Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine neuroentwicklungsbedingte Störung, die durch ein persistierendes Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität gekennzeichnet ist, das mit klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen in mindestens zwei Lebensbereichen einhergeht (American Psychiatric Association, 2022). Die Diagnose erfolgt nach den Kriterien des DSM-5-TR oder der ICD-11 und erfordert, dass Symptome vor dem 12. Lebensjahr begonnen haben und nicht besser durch andere psychische oder somatische Erkrankungen erklärt werden können.
Prävalenz und Verlauf
ADHS tritt weltweit auf und betrifft etwa 5,9 % der Kinder und Jugendlichen sowie 2,5 % der Erwachsenen (Faraone et al., 2021). Die Störung zeigt eine deutliche Geschlechterdifferenz: Jungen und Männer sind häufiger betroffen, wobei bei Frauen internalisierende Symptome (z. B. unaufmerksame Präsentation und Maskierungsverhalten) überwiegen, was die Diagnose im Kindes- und Jugendalter erschweren kann (Young et al., 2020). Über die Lebensspanne persistiert ADHS bei einem erheblichen Teil der Betroffenen. Allerdings verändert sich die Symptomausprägung, wobei Hyperaktivität oft abnimmt und Unaufmerksamkeit sowie exekutive Dysfunktionen im Erwachsenenalter dominieren (Faraone et al., 2021).
Neurobiologische Grundlagen
ADHS ist neurobiologisch als Störung der exekutiven Funktionen und der Selbstregulation etabliert. Bildgebende und neurophysiologische Studien zeigen Auffälligkeiten in frontostriatalen und parietalen Netzwerken sowie Veränderungen in dopaminergen und noradrenergen Systemen (Faraone et al., 2021; Koirala et al., 2024). Genetische Untersuchungen belegen eine hohe Heritabilität (ca. 70–80 %). Die Ätiologie ist polygen, wobei zahlreiche Varianten mit geringer Effektstärke zusammenwirken. Umweltfaktoren (z. B. pränatale Expositionen, frühe Stressbelastungen) interagieren mit der genetischen Vulnerabilität (Faraone et al., 2021).
Funktionelle Beeinträchtigungen
Kernmerkmal sind Defizite in den exekutiven Funktionen (z. B. Aufgabeninitiierung, Organisation, Zeitmanagement und Arbeitsgedächtnis) sowie in der Emotionsregulation. Diese führen zu messbaren Einschränkungen in schulischen, beruflichen und sozialen Bereichen (Faraone et al., 2021). Komorbiditäten sind häufig und umfassen insbesondere Angststörungen, affektive Störungen, Autismus-Spektrum-Störungen und Substanzgebrauchsstörungen. Bei Frauen treten zudem hormonelle Einflüsse (Menstruationszyklus, Perimenopause) als modulierende Faktoren auf (Young et al., 2020).
Die interdisziplinäre evidenz- und konsensbasierte S3-Leitlinie der DGKJP, DGPPN und DGSPJ (2018) sowie internationale Konsensus-Statements unterstreichen die Validität der Diagnose und die Notwendigkeit einer multimodalen, individuell angepassten Versorgung.
Hinweis
Dieser Text fasst den aktuellen wissenschaftlichen Konsens zusammen und dient ausschließlich der allgemeinen Information. Er ersetzt keine fachärztliche Diagnostik oder Behandlung.
Referenzen
American Psychiatric Association. (2022). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed., text rev.). American Psychiatric Publishing. https://doi.org/10.1176/appi.books.9780890425787
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP), Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), & Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ). (2018). S3-Leitlinie ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (AWMF-Registernummer 028-045). https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045
Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., … & Wang, Y. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.01.022
Koirala, S., et al. (2024). Neurobiology of attention-deficit hyperactivity disorder: Historical challenges and emerging frontiers. Nature Reviews Neuroscience, 25, 759–775. https://doi.org/10.1038/s41583-024-00869-z
Young, S., Adamo, N., Ásgeirsdóttir, B. B., Branney, P., Beckett, M., Colley, W., … & Woodhouse, E. (2020). Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry, 20(1), Article 404. https://doi.org/10.1186/s12888-020-02707-9