Symptomatik und Erkennung von ADHS bei Frauen
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zeigt bei Frauen und Mädchen häufig eine andere klinische Präsentation als bei Männern und Jungen. Während bei Jungen vor allem externalisierende Symptome (Hyperaktivität, Impulsivität) im Vordergrund stehen, überwiegen bei Frauen internalisierende Symptome (Unaufmerksamkeit, innere Unruhe) sowie Maskierungsverhalten. Dies führt zu einer erheblichen Unter- und Fehldiagnose sowie zu einer späteren Diagnosestellung (Skoglund et al., 2024; Young et al., 2020).
Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Symptomatik
Bei Frauen dominiert die unaufmerksame Präsentation. Typische Merkmale sind anhaltende innere Unruhe, rasende Gedanken, Schwierigkeiten mit Exekutivfunktionen (z. B. Aufgabeninitiierung, Organisation, Zeitmanagement und Arbeitsgedächtnis) sowie emotionale Dysregulation. Hyperaktivität äussert sich oft als innere Getriebenheit statt als körperliche Unruhe (Babinski, 2024; Young et al., 2020).
Frauen mit ADHS zeigen im Vergleich zu Männern signifikant häufiger internalisierende Symptome. Die unaufmerksame Subtyp-Präsentation ist bei weiblichen Personen deutlich ausgeprägter, während die kombinierte Form mit äusserer Hyperaktivität seltener diagnostiziert wird. Klinisch äussert sich dies in einer hohen Belastung durch ständige mentale Unruhe, Schwierigkeiten, Aufgaben zu beginnen oder abzuschliessen, sowie in einem ausgeprägten Gefühl der Überforderung im Alltag. Exekutive Dysfunktionen wie beispielsweise schlechtes Zeitmanagement, Vergessen von Terminen oder das parallele Bearbeiten mehrerer Aufgaben sind besonders im beruflichen und familiären Kontext spürbar und führen oft zu Kompensationsstrategien, die langfristig erschöpfend wirken (Babinski, 2024; Young et al., 2020).
Die Hyperaktivität bei Frauen ist meist internalisiert: Statt körperlicher Unruhe zeigen sich motorische Unruhe in Form von ständigen Gedankenströmen, innerem Getriebensein oder Schwierigkeiten, ruhig zu sitzen, ohne dass dies nach aussen auffällt. Impulsivität äussert sich häufiger verbal oder emotional (z. B. Unterbrechen von Gesprächen, emotionale Ausbrüche) als in risikoreichem Verhalten. Diese geschlechtsspezifischen Ausprägungen machen es für Aussenstehende schwer, ADHS zu erkennen, da die klassischen Stereotypen (zappeliges Kind, chaotischer Junge) nicht passen (Babinski, 2024).
Ein zentrales Merkmal bei Frauen ist das ausgeprägte Maskierungsverhalten (camouflaging). Frauen lernen früh, Symptome bewusst oder unbewusst zu verbergen, um gesellschaftlichen Erwartungen an Organisation, Emotionalität und soziale Kompetenz zu entsprechen. Dazu gehören Strategien wie übermässige Vorbereitung, Listen schreiben, soziale Skripte einüben oder das Vermeiden von Situationen, in denen Symptome sichtbar werden könnten. Obwohl Masking kurzfristig eine Anpassung ermöglicht, führt es langfristig zu massiver kognitiver und emotionaler Erschöpfung, erhöhtem Burnout-Risiko und einer verzögerten Diagnose (Hinshaw et al., 2021; Young et al., 2020).
Zusätzlich kann die emotionale Dysregulation bei Frauen mit ADHS besonders stark ausgeprägt sein. Starke Reaktionen auf Ablehnung (Rejection Sensitive Dysphoria), Stimmungsschwankungen und Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation sind häufig beschrieben und verstärken das innere Chaos. Diese Aspekte werden jedoch oft als Persönlichkeitsmerkmal oder als Folge von Stress fehlinterpretiert (Young et al., 2020).
Wie ADHS bei Frauen erkannt werden kann
Die geschlechtsspezifischen Unterschiede führen dazu, dass ADHS bei Mädchen und Frauen häufig übersehen oder als Persönlichkeitsmerkmal, Angststörung oder Überforderung fehlinterpretiert wird. Die Diagnose erfolgt bei Frauen im Durchschnitt deutlich später als bei Männern, oft erst im Erwachsenenalter. Neuere Registerstudien bestätigen eine anhaltende Verzögerung der Diagnosestellung bei weiblichen Personen (Skoglund et al., 2024; Young et al., 2020).
Erkennungszeichen, die auf ADHS bei Frauen hinweisen können, sind vor allem:
• Chronische innere Unruhe und rasende Gedanken trotz äusserlich ruhigem Erscheinungsbild
• Starke Schwierigkeiten mit Exekutivfunktionen (Aufgaben starten, strukturieren, Zeit einschätzen)
• Ausgeprägtes Maskierungsverhalten und die damit verbundene chronische Erschöpfung
• Emotionale Dysregulation, insbesondere starke Reaktionen auf Kritik oder Ablehnung
• Symptomverstärkung in hormonellen Umbruchphasen (prämenstruell, postpartal, perimenopausal)
Eine fachärztliche Diagnose sollte immer, wenn möglich, eine ausführliche Anamnese, Fremdanamnese und standardisierte Instrumente umfassen. Wichtig ist, dass Fachpersonen gezielt nach internalisierenden Symptomen und Masking fragen, da die klassischen äusseren Symptome oft fehlen (Skoglund et al., 2024; Young et al., 2020).
Hinweis
Dieser Text fasst den aktuellen wissenschaftlichen Konsens zusammen und dient ausschliesslich der allgemeinen Information. Er ersetzt keine fachärztliche Diagnostik oder Behandlung.
Referenzen
Babinski, D. E. (2024). Sex differences in ADHD: Review and priorities for future research. Current Psychiatry Reports, 26(4), 151–156. https://doi.org/10.1007/s11920-024-01492-6
Hinshaw, S. P., Nguyen, P. T., O’Grady, S. M., & Rosenthal, E. A. (2021). Annual Research Review: Attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women: Underrepresentation, longitudinal processes, and key directions. Journal of Child Psychology and Psychiatry. Advance online publication. https://doi.org/10.1111/jcpp.13480
Skoglund, C., Sundström Poromaa, I., Leksell, D., Ekholm Selling, K., Cars, T., Giacobini, M., Young, S., & Kopp Kallner, H. (2024). Time after time: Failure to identify and support females with ADHD – A Swedish population register study. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 65(6), 832–844. https://doi.org/10.1111/jcpp.13920
Young, S., Adamo, N., Ásgeirsdóttir, B. B., Branney, P., Beckett, M., Colley, W., … & Woodhouse, E. (2020). Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry, 20(1), Article 404. https://doi.org/10.1186/s12888-020-02707-9