ADHS bei Frauen: Häufige Komorbiditäten und Kombinationen

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) tritt bei Frauen selten isoliert auf. Häufig bestehen gleichzeitig andere Bedingungen oder Faktoren, die das klinische Bild verändern, die Symptome verstärken und die Diagnose erschweren. Solche Komorbiditäten und Kombinationen sind bei Frauen mit ADHS besonders häufig und beeinflussen sowohl die Symptomatik als auch die funktionellen Beeinträchtigungen (Faraone et al., 2021; Skoglund et al., 2024; Young et al., 2020).

Hormonelle Einflüsse

Östrogen und Progesteron modulieren das dopaminerge und noradrenerge System. Bei vielen Frauen mit ADHS kommt es zu einer deutlichen Symptomverstärkung in Phasen niedrigen Östrogenspiegels: vor allem prämenstruell, postpartal und in der Perimenopause. Diese hormonellen Schwankungen verstärken Unaufmerksamkeit, emotionale Dysregulation und Erschöpfung und können das Maskierungsverhalten zusätzlich erschweren (Antoniou, 2021; Kooij, 2025; Skoglund et al., 2024).

Autismus-Spektrum-Störung

Die Kombination aus ADHS und Autismus ist bei Frauen nicht selten. Beide Störungen teilen Merkmale wie sensorische Überempfindlichkeit, exekutive Dysfunktionen und Schwierigkeiten in sozialen Situationen, verstärken sich jedoch gegenseitig. Betroffene Frauen maskieren oft noch stärker, was zu extremer Erschöpfung und einer sehr späten Diagnose beider Bedingungen führt (Hinshaw et al., 2021; Young et al., 2020).

Hochbegabung (twice exceptional / 2e)

Bei Frauen mit ADHS und gleichzeitig hoher Intelligenz (Hochbegabung) werden Symptome häufig durch Kompensationsstrategien überdeckt. Die Betroffenen erreichen äusserlich oft gute Leistungen, leiden jedoch innerlich unter massiver Überforderung und dem Gefühl, „nie genug“ zu sein. Diese Kombination erschwert die Diagnose zusätzlich, da ADHS-Symptome lange als „nur Perfektionismus“ oder „Überforderung“ fehlinterpretiert werden (Hinshaw et al., 2021; Young et al., 2020).

Angststörungen, Depressionen und belastende zwischenmenschliche Dynamiken

Angst- und affektive Störungen treten bei Frauen mit ADHS signifikant häufiger auf als bei Männern. Emotionale Dysregulation und Rejection Sensitive Dysphoria können sich gegenseitig verstärken. Viele Frauen berichten zudem von früheren zwischenmenschlichen Beziehungen oder Gruppen-Dynamiken, in denen Grenzen wiederholt verletzt, Machtungleichgewichte systematisch ausgenutzt und langfristige emotionale Abhängigkeit sowie Verunsicherung erzeugt wurden. Solche Erfahrungen können die emotionale Erschöpfung, das Masking und die innere Überforderung massiv verstärken und führen oft dazu, dass die ADHS-Symptome lange Zeit primär als reine Stimmungsstörung gesehen werden (Faraone et al., 2021; Hinshaw et al., 2021; Skoglund et al., 2024; Young et al., 2020).

Weitere häufige Kombinationen

Hochsensibilität (Highly Sensitive Person) (Young et al., 2020)

• Essstörungen (Faraone et al., 2021)

• Schlafstörungen (Skoglund et al., 2024)

• Substanzgebrauchsstörungen (als Selbstmedikation) (Faraone et al., 2021; Young et al., 2020)

Diese Überschneidungen verändern das klinische Bild erheblich: Die Betroffenen zeigen oft ein gemischtes Bild aus ADHS-, Autismus- und weiteren Belastungsfaktoren, das ohne gezielte Abklärung leicht übersehen wird.

Auswirkungen auf Diagnose und Alltag

Komorbiditäten führen bei Frauen zu einer noch späteren Diagnose und zu einer höheren Belastung durch Masking. Gleichzeitig bieten sie auch Erklärungsmuster, die Betroffene entlasten können, wenn sie richtig eingeordnet werden. Eine differenzierte Diagnostik, die alle beteiligten Bedingungen berücksichtigt, ist daher entscheidend (Hinshaw et al., 2021; Skoglund et al., 2024; Young et al., 2020).

Hinweis

Dieser Text fasst den aktuellen wissenschaftlichen Konsens zusammen und dient ausschliesslich der allgemeinen Information. Er ersetzt keine fachärztliche Diagnostik oder Behandlung.

Referenzen 

Antoniou, E. (2021). ADHD symptoms in females of childhood, adolescent, reproductive and menopause periode. Materia Socio-Medica, 33(2), 114–118. https://doi.org/10.5455/msm.2021.33.114-118 

Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., … & Wang, Y. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.01.022

Hinshaw, S. P., Nguyen, P. T., O’Grady, S. M., & Rosenthal, E. A. (2021). Annual Research Review: Attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women: Underrepresentation, longitudinal processes, and key directions. Journal of Child Psychology and Psychiatry. Advance online publication. https://doi.org/10.1111/jcpp.13480

Kooij, J. J. S. (2025). Research advances and future directions in female ADHD: The lifelong interplay of hormonal fluctuations with mood, cognition, and disease. Frontiers in Global Women’s Health, 6, Article 1613628. https://doi.org/10.3389/fgwh.2025.1613628

Skoglund, C., Sundström Poromaa, I., Leksell, D., Ekholm Selling, K., Cars, T., Giacobini, M., Young, S., & Kopp Kallner, H. (2024). Time after time: Failure to identify and support females with ADHD – A Swedish population register study. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 65(6), 832–844. https://doi.org/10.1111/jcpp.13920

Young, S., Adamo, N., Ásgeirsdóttir, B. B., Branney, P., Beckett, M., Colley, W., … & Woodhouse, E. (2020). Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry, 20(1), Article 404. https://doi.org/10.1186/s12888-020-02707-9