Definition: Coercive Control
Coercive Control beschreibt ein anhaltendes Muster aus Verhaltensweisen, das darauf abzielt, die Freiheit, Autonomie und Selbstwirksamkeit einer Person einzuschränken (Stark, 2007).
Intermittierende Verstärkung als zentraler Mechanismus
Intermittierende Verstärkung bezeichnet die unregelmässige und unvorhersehbare Vergabe von Belohnungen (Skinner, 1953). Dieses Prinzip führt zu einer besonders stabilen und starken Verhaltensbindung.
Frauen mit ADHS zeigen eine erhöhte Sensitivität des dopaminergen Belohnungssystems (Faraone et al., 2021; Volkow et al., 2011). Intermittierende Verstärkung aktiviert dieses System besonders intensiv: Phasen starker Zuwendung wechseln sich mit plötzlichem Entzug oder Abwertung ab. Das Gehirn lernt, dass Belohnung unvorhersehbar kommt, was zu einer suchtähnlichen Bindung führt. Dieser Mechanismus trägt massgeblich zur Entstehung von Trauma-Bonding bei (van der Kolk, 2014).
Erkennungsmerkmale von Coercive Control bei ADHS
Typische Muster, die bei Frauen mit ADHS besonders häufig auftreten:
Schnelles, intensives Annähren gefolgt von plötzlichem Rückzug
Widersprüchliche Kommunikation
Subtile Abwertung, verpackt als Kompliment oder "guter Rat"
Schuldumkehr
Isolation oder Überwachung
Intermittierende Zuwendung
Warum ADHS die Vulnerabilität erhöht
ADHS selbst ist keine Schuld und kein Charakterfehler. Es handelt sich um eine neurobiologische Besonderheit, die jedoch bestimmte Vulnerabilitäten schafft, die ausübende Personen gezielt ausnutzen können (Faraone et al., 2021; Young et al., 2020).
Erhöhte Belohnungssensitivität: Das dopaminerge System reagiert stärker auf intermittierende Belohnung, was manipulative Dynamiken verstärkt.
Emotionale Dysregulation und Rejection Sensitive Dysphoria: Starke emotionale Reaktionen auf wahrgenommene Ablehnung oder Kritik machen es schwerer, toxische Muster frühzeitig zu erkennen.
Mirroring: Viele Frauen mit ADHS spiegeln das Verhalten ihres Gegenübers automatisch.
Schwierigkeiten bei der Erkennung komplexer sozialer Muster: Aufgrund von exekutiver Dysfunktionen fällt es oft schwer, langfristige Machtdynamiken und inkonsistentes Verhalten als Gesamtbild zu sehen.
Späte Diagnose und jahrelanges Masking: Viele Betroffene haben jahrelang ihre Symptome kompensiert, was zu einem geringeren Selbstwertgefühl und erhöhter Abhängigkeit von externer Validierung führen kann (Skoglund et al., 2024).
Wichtig: Diese Vulnerabilitäten machen Frauen mit ADHS nicht verantwortlich für das Erleben von Coercive Control. Die Verantwortung liegt nur bei den ausübenden Personen. Aufklärung über diesen Zusammenhang ist essenziell, denn das Thema wird in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig thematisiert. Frauen mit ADHS haben eine andere neurokognitive Verarbeitungsstruktur, die von ausübenden Menschen oft erkannt und systematisch ausgenutzt wird – auch ohne die Diagnose zu kennen.
Fazit
Coercive Control ist ein systematisches Machtmuster, das neurobiologische Besonderheiten von ADHS gezielt ausnutzen kann. Ein besseres Verständnis dieser Mechanismen ermöglicht frühere Erkennung und Prävention.
Referenzen
Faraone, S. V., Banaschewski, T., Coghill, D., Zheng, Y., Biederman, J., Bellgrove, M. A., … & Wang, Y. (2021). The World Federation of ADHD International Consensus Statement: 208 evidence-based conclusions about the disorder. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 128, 789–818. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2021.01.022
Skinner, B. F. (1953). Science and human behavior. Macmillan.
Stark, E. (2007). Coercive control: How men entrap women in personal life. Oxford University Press.
Skoglund, C., Sundström Poromaa, I., Leksell, D., Ekholm Selling, K., Cars, T., Giacobini, M., Young, S., & Kopp Kallner, H. (2024). Time after time: Failure to identify and support females with ADHD – A Swedish population register study. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 65(6), 832–844. https://doi.org/10.1111/jcpp.13920
van der Kolk, B. (2014). The body keeps the score: Brain, mind, and body in the healing of trauma. Viking.
Volkow, N. D., Wang, G.-J., Newcorn, J. H., Kollins, S. H., Wigal, T. L., Telang, F., … & Swanson, J. M. (2011). Motivation deficit in ADHD is associated with dysfunction of the dopamine reward pathway. Molecular Psychiatry, 16(11), 1147–1154. https://doi.org/10.1038/mp.2010.97
Young, S., Adamo, N., Ásgeirsdóttir, B. B., Branney, P., Beckett, M., Colley, W., … & Woodhouse, E. (2020). Females with ADHD: An expert consensus statement taking a lifespan approach providing guidance for the identification and treatment of attention-deficit/hyperactivity disorder in girls and women. BMC Psychiatry, 20(1), Article 404. https://doi.org/10.1186/s12888-020-02707-9